Die Rolle von Szenarien während des Requirements Engineering
Der Nutzen von Szenarien ist während der Phase des Requirements Engineering speziell bei interaktiven Systemen mit unterschiedlichen Benutzerkreisen besonders offensichtlich. Gute Szenarien sind so abgefasst, dass sie für alle Beteiligten verständlich sind. Handelt es sich um Anfangsszenarien, stehen vor allem die Ziele und Wünsche von Beteiligten im Vordergrund, mögliche Lösungen werden nur angerissen, als Vorschlag angeboten oder fehlen zunächst sogar ganz (siehe Beispiel). Szenarien stimulieren dadurch die erforderlichen Diskussionen zur Klärung der offenen Punkte. Zwei wichtige Aspekte dieses Klärungsprozesses werden im folgenden etwas näher beschrieben.
• Abstimmung zwischen Kunden / Nutzern und Entwicklern Eine wichtige Aufgabe des Requirements Engineering besteht darin, die Anforderungen der Kunden einschließlich der künftigen Systembenutzer genau verstehen zu lernen und zu einer Übereinkunft über Systemleistungen und -verhalten zu kommen. Bei diesem Diskussions- und Abstimmungsprozess können Szenarien sehr hilfreich sein. Hinreichend konkret und verständlich, um der Diskussion eine - auch für Beteiligte in unterschiedlichen Rollen - klare Zielsetzung zu geben, ermuntern sie auf der anderen Seite zu nachhaltiger Reflexion über die Zielerreichung (z.B. Durchspielen von Alternativen) und stimulieren das Finden neuer Ideen. Sie dienen somit als Kommunikationsmedium zwischen den Domänenexperten (Auftraggeber / Benutzer) und den technischen Experten (Systemanalytikern und Entwicklern). Dies gilt insbesondere für Systeme mit ausgeprägter Nutzerinteraktion und vielfältigen, ggf. nicht vollständig konsistenten Nutzeranforderungen. Szenarien haben somit eine Katalysatorfunktion bei den beschriebenen Ideenfindungs- und Abstimmungsprozessen.
Szenarien können auf unterschiedliche Weise generiert werden. Für die im Rahmen des Requirements Engineering verwendeten initialen Szenarien gibt es i.w. zwei Entstehungsmöglichkeiten. So können sie einmal aus zuvor von Systemexperten verfassten Dokumenten (Analyse der derzeitigen Situation einschließlich der erkannten und zu behebenden Defizite, generelle Zielsetzung des neuen Systems u. a.) abgeleitet werden. Auch diese erste Szenarioversion würde von "Technikern" stammen. Erst dann werden Domänenexperten eingebunden, indem zunächst in gemeinsamen Diskussionen auf der Basis der vorgelegten Szenarien ein gruppenübergreifendes Verständnis der Interessen, Forderungen und Erwartungen der einzelnen Beteiligten hergestellt wird. Dieses bildet die Grundlage für die dann gemeinsam auszuhandelnde Lösung, d.h. die verbindliche Festlegung auf Leistungs- und Verhaltensmerkmale, welche wiederum in Form von Szenarien dokumentiert werden.
Die zweite Möglichkeit besteht darin, Szenarien von Anfang an unter Mitwirkung aller Beteiligten zu entwickeln. Um dies zu erreichen, haben sich Workshops bewährt, auf denen zunächst (jeweils in einem Teilbereich) ein gemeinsames Verständnis der Ist-Situation herbeigeführt wird. Darauf aufbauend werden dann die Szenarien für das künftige System und dessen Einsatz in gemeinsamer Diskussion entwickelt und dokumentiert.
Da an Szenarien auch (künftige) Benutzer mitwirken können, ist es möglich herauszufinden, welche Bedeutung ein Benutzer den einzelnen Objekten und Beziehungen einer Aufgabe beimisst.
Haben die Beteiligten den Eindruck, zu einer tragfähigen Übereinkunft gekommen zu sein, kann zur nächsten Phase des Softwareentwicklungsprozesses übergegangen werden. Die vorhandenen Szenarien bilden dabei das Ausgangsmaterial für semi-formale oder formale Beschreibungen.